Schlagwortarchiv für: Otto von Bismarck

Aleksandr M. Gorčakov, Carte de Visite, Fotografie von Aristide & Cie (Bibliothèque national de France, gemeinfrei)

Pflegte Reichskanzler Otto von Bismarck besondere Beziehungen zu Russland? Diese Frage begleitet die Bismarck-Rezeption schon lange, hat aber angesichts des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine eine neue Virulenz gewonnen. Eine kenntnisreiche, auf historische Dokumente gestützte Analyse der Vergangenheit der deutsch-russischen Beziehungen kann maßgeblich zu ihrer Beantwortung beitragen, wie Prof. Dr. Horst Günther Linke (Universität Bonn) am Donnerstag bei seinem Vortrag mit dem Titel „Bismarcks russischer Gegenspieler – Fürst Aleksandr M. Gorčakov“ im Historischen Bahnhof Friedrichsruh aufzeigte.

Der Historiker hat in seinen jüngsten Publikationen Leben und Politik des russischen Kanzlers und Außenministers Fürst Aleksandr M. Gorčakov (1798 – 1883) und dessen Beziehungen zu Bismarck ausgeleuchtet, als Grundlage dienten auch die reichhaltigen Quellenbestände russischer Archive. Gorčakov war nicht nur über Jahrzehnte eine, wenn nicht die prägende Persönlichkeit der russischen Politik, sondern auch ein enger Bekannter Otto von Bismarcks. Ihr persönlicher Kontakt und brieflicher Austausch, in dem der eine den anderen auch blumig umschmeichelte, könnte tatsächlich den Eindruck erwecken, dass zwischen ihnen und damit ihren Ländern ein besonderes Verhältnis bestanden habe.

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„Dem deutschen Heere“, Seite 1 und 2. Diese handschriftliche Fassung sandte Richard Wagner 1871 an Otto von Bismarck. (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)

Otto von Bismarck war dem Musikgenuss keineswegs abgeneigt, aber er war kein Bewunderer Richard Wagners. Ihn erfreuten das Klavierspiel seiner Frau Johanna und die Konzertabende, zu denen bekannte Musiker oder Sänger ins eigene Haus eingeladen wurden. Dennoch befindet sich in seinem Nachlass ein handgeschriebenes Gedicht, das der damals aufstrebende Komponist Ende Januar 1871 – eine Woche nach der Kaiserproklamation in Versailles – schrieb und ihm sandte. „Dem deutschen Heere“, so der Titel, wird seit vergangener Woche als Leihgabe in der Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ gezeigt. Sie ist bis zum 11. September 2022 im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM) zu sehen.

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Die sechste Sektion über die „Erinnerung“ an Reichsgründung und Kaiserreich wird im Historischen Bahnhof (1. Stock) präsentiert. (Foto: Otto-von-Bismarck-Stiftung / Jürgen Hollweg).

Die Sonderausstellung „1870/71. Reichsgründung in Versailles“ veranschaulicht in ihrer sechsten und letzten Sektion die Pfade, auf denen sich die Erinnerung an Reichsgründung und Kaiserreich in den verschiedenen Phasen der deutschen Geschichte seit 1870/71 bewegt. Sichtbar werden Kontinuitäten, Wandel und Brüche in den Erzählungen. Zu erkennen ist auch, wie in Wilhelminismus und Weimarer Republik, während des NS-Regimes und nach 1945 in den beiden deutschen Teilstaaten versucht wurde, die Vergangenheit politisch zu vereinnahmen. Die zum Abschluss präsentierten Objekte und Fotografien zeigen, dass die wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten auch in der Gegenwart anhalten.

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Die „Menschen im Museum“ zeigen sich auch an der Fassade. Rechts im Bild ist die Kirche zu sehen, in der Otto von Bismarck getauft wurde. (Fotos: Otto-von-Bismarck-Stiftung Schönhausen)

Leben und politisches Wirken des ersten Reichskanzlers zeigen sich im Bismarck-Museum in Schönhausen vor allem anhand zahlreicher Geschenke, mit denen er geradezu überhäuft worden war. Wer aber waren diejenigen, die ihn beschenkten? Welche Künstlerinnen und Künstler widmeten ihm Werke? Aber auch: Wer gab damals das Porzellan und die Gemälde an der Tür des Bismarck’schen Gutshauses ab? Auf wen – außer Otto von Bismarck – also treffen die Besucherinnen und Besucher bei einem Museumsbesuch?

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Zu sehen ist ein Fachwerkhaus mit Vortreppe und Veranda. Auf der Veranda sitzen zwei Frauen, vor der Treppe steht der Förster.

Alte Oberförsterei, Fotografie um 1895 (Archiv der Otto-von-Bismarck-Stiftung)

Das Hirschgeweih am Giebel deutet an, wer im Jahr der Aufnahme dieser Fotografie das Haus bewohnte – ein Förster, genauer: der von Otto von Bismarck eingestellte Oberförster Peter Lange. Sein Domizil wurde allerdings ursprünglich gar nicht für einen naturverbundenen Menschen gebaut, sondern für einen Fabrikbesitzer.

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Zu sehen ist ein Felsbrocken, der nur wenig angeleuchtet ist.

Zu sehen ist hier nicht der Asteroid „Bismarck“, sondern „Bennu“. Dieser Himmelskörper ist in die Schlagzeilen geraten, weil er im nächsten und übernächsten Jahrhundert der Erde nahekommt. Die NASA erforscht ihn seit einigen Jahren mit der Raumsonde OSIRIS-Rex. Foto: NASA/ Goddard/ University of Arizona.

Bismarck ist als Namensgeber weltweit im öffentlichen Raum präsent. Ob als Denkmalsfigur, als Namenszug auf Straßenschildern oder auf Mineralwasserflaschen: An vielen Stellen finden sich noch Überreste des einstigen Ehrregimes für den bis ins Maßlose verehrten Politiker. Die höchste Konzentration der gelegentlich fremd gewordenen Benennungen findet sich erwartungsgemäß in Deutschland, wobei das Gebiet der alten Bundesrepublik führt. Die DDR hatte den „Sozialistenfresser“ mit einer damnatio memoriae belegt; Rück- oder Neubenennungen blieben nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten die Ausnahme.

Eine Ausnahme war 1991 in Thüringen zu verzeichnen. Der Astronom Freimut Börngen (geb. 1930), der im Laufe seines langen Berufslebens an der Thüringer Landessternwarte mehr als 500 Asteroiden entdeckte, benannte einen am 13. September 1991 erstmals durch ihn verzeichneten Himmelskörper aus der Dora-Asteroidenfamilie nach Bismarck. Börngens Schwerpunkte bei der Benennung lagen zu DDR-Zeiten auf Wissenschaftlern aus Astronomie, Medizin, Physik sowie auf Komponisten und Schriftstellern. Nach 1990 verewigte er ein breiteres Spektrum historischer Persönlichkeiten und, mit besonderem Interesse, geografische Orte in dem von ihm geschätzten Alpenraum, was ihm eine österreichische Auszeichnung einbrachte. Dass er vor 30 Jahren an Bismarck dachte, der 99 Jahre zuvor von Studenten in Jena rauschend und berauscht empfangen worden war, ist uns als Auszeichnung diese kleine Erinnerung wert.


Auf bismarckierung.de sammeln wir Erinnerungsorte rund um den Globus – das Weltall können wir damit leider nicht erfassen.

Blick in die Ausstellung auf „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreichs (18. Januar 1871)“, Anton von Werner (1843 – 1915), Deutschland, 1885, Öl auf Leinwand (Bismarck-Museum Friedrichsruh, Inventar-Nr.: A 049, Foto: Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg)

Das „Herzstück“ der Sonderausstellung findet sich in der vierten Sektion: das Gemälde „Die Proklamierung des deutschen Kaiserreichs (18. Januar 1871)“. Der Maler Anton von Werner, der Augenzeuge des historischen Augenblicks war, fertigte im Laufe der Jahrzehnte vier Fassungen seiner Darstellung an, nur diese dritte – ein Geschenk der kaiserlichen Familie an Otto von Bismarck – ist erhalten geblieben. Das großformatige Bild hat seinen festen Platz im Bismarck-Museum Friedrichsruh und diente als Ausgangspunkt der gesamten Konzeption der Sonderausstellung „1870/71. Reichsgründung in Versailles“.

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Bismarck sitzt seitlich am Tisch und stützt den rechten Arm auf; in der Hand hält er Papiere, die er liest.

Christian Wilhelm Allers: Bismarck bei der Lektüre, Druck, 28. März 1892 (Bismarck-Museum Friedrichsruh / Fotograf: Jürgen Hollweg)

Presseartikel, Schreiben an Monarchen, eine rege Korrespondenz mit adligen wie bürgerlichen Bekannten und Bewunderern sowie die Abfassung der „Gedanken und Erinnerungen“ – aus den letzten acht Lebensjahren Otto von Bismarcks liegt eine Fülle von Schriften vor. Sie geben über zweierlei Auskunft: Wie der Reichskanzler a. D. trotz zunehmender Isolation und nachlassender Arbeitskraft vorging, um weiterhin auf die Tagespolitik Einfluss zu nehmen und um sich – möglichst über seinen Tod hinaus – die erinnerungsstrategische Deutungshoheit über sein Lebenswerk zu sichern.

Nach seiner Entlassung aus allen Ämtern beflügelte es Bismarcks Popularität, dass er jedem Wunsch nach einer persönlichen Zuschrift nachkam. In Friedrichsruh trafen bald körbeweise Broschüren, Petitionen, Gedichte aus dem In- und Ausland, Kompositionen, Traktate, Fotografien und neueste Arbeiten von Wissenschaftlern ein. Der Jurist Paul Laband schickte ihm seine mehrbändige Abhandlung zum deutschen Staatsrecht, Ernst Bötticher, ein Kontrahent Heinrich Schliemanns, berichtete von seinen Ausgrabungen in Troja, der Historiker Heinrich von Treitschke und später seine Witwe Emma sandten Treitschkes neueste Publikationen. Bismarck gab zu erkennen, dass er alles las und zu schätzen wusste, auch den Gruß eines Radfahrerclubs.

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Unser Wandkalender zeigt in diesem Jahr das historische Friedrichsruh. Im Juni ist eine Fotografie des Bahnhofs zu sehen, die um 1900 aufgenommen wurde.

Tausende kletterten aus den Zügen, wurden von Medaillenverkäufern und Leierkastenmännern belagert, die Kellner der Bahnhofsgaststätte boten Bier, Butterbrot und Grog an und schließlich wurden Wachsfackeln ausgeteilt – so schilderte es ein Hamburger Arzt aus eigener Anschauung. Dieser Trubel herrschte einige Jahre lang regelmäßig rund um den 1. April in Friedrichsruh: Bewunderer des ersten Reichskanzlers fuhren in den Sachsenwald, um ihn an seinem Geburtstag mit einem Fackelzug hochleben zu lassen. Zum 80. Geburtstag im Jahr 1895 reisten sogar Zehntausende an – der Bahnhof sollte nie wieder einen so großen Andrang erleben.

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Mutsuhito (1852 – 1912) leitete als Tenno grundlegende Reformen ein, die heute mit seinem posthum gebräuchlichen Name Meiji verknüpft sind. Er war der erste Tenno, der fotografiert wurde. Für diese Aufgabe wurde 1872 und 1873 der renommierte Fotograf Uchida Kuichi ausgewählt. (Foto: The Metropolitan Museum of Art)

Trotz mannigfacher nationaler Eigenarten wird man das Verhältnis zwischen Deutschland und Japan heute nicht anders denn als freundschaftlich nennen können. Jüngst wurde die Kooperation mit einem Geheimschutzabkommen beider Regierungen über die Zusammenarbeit im Bereich von Rüstung, Technologie und Cybersicherheit um eine gänzlich neue Facette erweitert. Bei einer Doppelkonsultation lobten die japanischen und deutschen Außen- und Verteidigungsminister resp. Ministerinnen die beiderseitige Wertepartnerschaft etwa im Multilateralismus und der Rechtsstaatlichkeit.

Historisch betrachtet, kann der Weg dorthin allerdings als steinig bezeichnet werden. Unter den seit dem 17. Jahrhundert herrschenden Shogunen der Tokugawa-Dynastie frönte Japan einer Abschottungspolitik und pflegte Außenbeziehungen allein zu den Niederlanden. Erst 1853 und nur unter militärischem Zwang öffnete sich das Land der aufgehenden Sonne ein Stück weit der Außenwelt, indem es den USA, dann auch Russland, Großbritannien und Frankreich freien Handel gewährte.

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