Der handgeschriebene Gründungserlass (© Auswärtiges Amt)

Abschrift des Gründungserlasses (© Auswärtiges Amt)

„Als Otto von Bismarck am 8. Januar 1870 den Gründungserlass für das ‚Auswärtige Amt‘ des kurzlebigen Norddeutschen Bundes unterschrieb, da konnte er nicht ahnen, dass dieser Federstrich die heute älteste zentrale Behörde Deutschlands ins Leben rufen würde“, schreibt Bundesaußenminister Heiko Maas auf der Website, die das Auswärtige Amt aus Anlass seines 150jährigen Bestehens veröffentlicht hat.

Für historisch Interessierte ist diese Website eine wahre Fundgrube: Das Team des Politischen Archivs hat aus den 27 Regalkilometern Akten 150 Objekte für eine Zeitleiste aufbereitet und digitalisiert. Diese werfen „Schlaglichter auf denkwürdige, interessante und teilweise auch dunkle Ereignisse“, so die Erläuterung, angestrebt werde damit aber keine umfassende Geschichtsschreibung.

Den Objekten sind jeweils kurze Informationen beigefügt. So ist zum dreiseitigen, handschriftlichen Gründungserlass nachzulesen, dass sich Otto von Bismarck bei der Benennung des Auswärtigen Amtes an der Bezeichnung anderer Außenministerien, etwa dem britischen Foreign Office, orientiert habe. Es folgt in dieser Zeitleiste der Bericht Heinrich von Abekens über die Unterredung König Wilhelms I. mit dem französischen Botschafter Vincent Graf Benedetti in Bad Ems am 13. Juli 1870, die sogenannte Emser Depesche. „In den Akten des Auswärtigen Amts haben sich sowohl Konzept und Reinschrift des ursprünglichen Berichts erhalten wie auch zweifach die gekürzte Fassung, die an die preußischen Vertretungen in den anderen deutschen Staaten gerichtet war.“

Zugeordnet sind die gezeigten Objekte nicht den politischen Systemen, die Deutschland durchlebt hat, sondern den Jahrzehnten, blieb doch das Auswärtige Amt als Institution stets bestehen. Diese Chronologie zeigt ausschnitthaft die Höhen und Tiefen der Geschichte Deutschland und seiner auswärtigen Beziehungen eng beieinander. Zu den Objekten gehören unter anderem ein geheimer Bericht über den Emigranten – und späteren Bundesaußenminister – Willy Brandt vom 27. Mai 1937, die Karte zum deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 („Hitler-Stalin-Pakt“), ein Eintrag des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Václav Havel im Gästebuch der Bundesrepublik Deutschland am 8./9. Mai 1991 sowie ein Plakat zur Ausstellung anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, die im Januar und Februar 2018 im Lichthof des Auswärtigen Amts gezeigt wurde.

Der Otto-von-Bismarck-Stiftung steht bei ihrer Arbeit ein Wissenschaftlicher Beirat zur Seite, dem namhafte Historikerinnen und Historiker angehören. Ihre Expertise bereichert die interdisziplinär und methodisch vielfältige Bismarck-Forschung, die eine zentrale Aufgabe dieser Politikergedenkstiftung ist.

Prof. Dr. Ewald Frie (Foto: © FanyFazii)

In loser Reihenfolge möchten wir die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats mit einem kurzen Fragebogen vorstellen. In dieser Folge antwortet Prof. Dr. Frie.

Zur Person

Prof. Dr. Ewald Frie (geb. 1962) hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster Neuere Geschichte, Mittlere Geschichte und Katholische Theologie studiert, nebenbei sammelte er erste Berufserfahrungen als Museumsführer im Mühlenhof-Freilichtmuseum Münster. Mit einer Arbeit über „Die Armenfürsorge der Stadt Münster und die Einführung des Elberfelder Systems“ schloss er sein Studium als Magister Artium ab; es folgten ein wissenschaftliches Volontariat am Westfälischen Institut für Regionalgeschichte Münster sowie die Promotionsschrift „Wohlfahrtsstaat und Provinz. Fürsorgepolitik des Provinzialverbandes Westfalen und des Landes Sachsen 1880-1930“. Während beruflicher Stationen in Düsseldorf und Essen entstand die Habilitationsschrift „Friedrich August Ludwig von der Marwitz 1777 –1837. Biographien eines Preußen“. Seit Oktober 2008 lehrt Prof. Dr. Frie an der Universität Tübingen Neuere Geschichte. 2011 bis 2016 leitete er den Sonderforschungsbereich „Bedrohte Ordnungen“.

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Dr. Sebastian Rojek hielt seinen Vortrag auf Einladung der Otto-von-Bismarck-Stiftung und des Landesarchivs Schleswig-Holstein.

Dr. Sebastian Rojek eröffnete in seinem Vortrag im Schleswiger Prinzenpalais eine neue Perspektive auf die Geschichte der deutschen Marine. Der zentrale Begriff seiner Analyse war die Enttäuschung: Sie entstehe aus der Kollision positiv wahrgenommener Erwartungen mit Erfahrungen, die negativ erschienen. Durch die Analyse der Differenz zwischen Erwartung und Erfahrung in den historischen Quellen werde sichtbar, wie über erfüllte und unerfüllte Erwartungen kommuniziert werde und wie sich diese Kommunikation in politische Prozesse übersetze.

Die Alltagserfahrung lehrt, so die Erläuterungen des jungen Historikers, der als akademischer Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Stuttgart arbeitet, dass Erwartungen und Enttäuschungen permanent auftreten. Erfüllt sich eine Erwartung, stabilisiert sich die Planung. Kommt es zur Enttäuschung, folgt eine Destabilisierung, die im besten Fall zu einer Neujustierung führt: Was geplant war, wird mit der Realität abgeglichen und angepasst. Bei der kaiserlichen Marine handelte es sich Rojek zufolge aber um eine Institution, die mit einer „Augen-zu-und-durch-Mentalität“ und „Gegenwartsschrumpfung“ auf Enttäuschungen reagierte: Ein einmal gefundenes Narrativ wurde trotz ausbleibenden Erfolgs weiterhin propagiert, aber die Erwartungen blieben unerfüllbar.

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Unser Kalender zeigt im September den Druck „Bismarck in Versailles“ nach einem Gemälde von Carl Wagner (1887), Archiv der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: ZSg 691.

Die Errichtung eines deutschen Nationalstaates wurde von den neutralen Mächten noch als legitimes Ergebnis des Deutsch-Französischen Krieges betrachtet. Die zu Kriegsbeginn eher Preußen zugeneigte Haltung der Neutralen und der ausländischen öffentlichen Meinung änderte sich aber mit den Erfolgen der deutschen Truppen sowie mit der Verkündung der geplanten Annexion von Elsass-Lothringen. Otto von Bismarck wollte daher den Krieg so rasch wie möglich beenden, um eine Einmischung der anderen Großmächte in den Konflikt zu vermeiden.

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Die weißen Busse für den Transport der Häftlinge wurden vom schwedischen Roten Kreuz organisiert. Diese Aufnahme von Hans Lorenzen zeigt sie vor der Abfahrt in Friedrichsruh.

Getragen war dieser Vortrag von der großen Empathie, mit der sich Ulrike Jensen seit vielen Jahren ihrer Forschung zur Rettungsaktion „Weiße Busse“ widmet: Die Historikerin, die in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme für die politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen zuständig ist, schilderte auf Einladung der Otto-von-Bismarck-Stiftung das Geschehen vor allem aus der Perspektive der damaligen Häftlinge. Schauplätze der Aktion im Frühjahr 1945 waren Friedrichsruh und das damalige KZ Neuengamme.

Der Vortrag war ursprünglich für den Mai dieses Jahres geplant und musste nach Ausbruch der Corona-Pandemie verschoben werden. Er gehört in die Reihe der Veranstaltungen, mit denen in Aumühle und Wohltorf an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnert und zugleich das bisherige Gedenken kritisch reflektiert wird.

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Druck, Deutschland, 1870 – Material: Papier – Herkunft: Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, Inventar-Nr.: He ZSg 073

Nach dem Sturz der spanischen Königin Isabella II. im September 1868 begann die neue Regierung umgehend mit der Suche nach einem neuen Herrscher für den vakanten Thron. Die unter Geheimhaltung erfolgten, zunächst aber stockenden Sondierungen führten schließlich im Februar 1870 zu einem erneuten Angebot der Regierung in Madrid an den katholischen, mit einer portugiesischen Prinzessin verheirateten Erbprinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, sich um die spanische Krone zu bewerben. Leopold besaß enge verwandtschaftliche Beziehungen zu Napoleon III. und sein Bruder Karl war mit Billigung des französischen Kaisers 1866 zum Fürsten von Rumänien erhoben worden. Somit erschien er der spanischen Regierung als geeigneter Kandidat. Napoleons Plazet sollte eingeholt werden, sobald Leopold sich zur Annahme der spanischen Krone bereit erklärt hatte.

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Skizze zum Gemälde „Le cimetière de Saint-Privat, le 18 août 1870“ von Alphonse-Marie-Adolphe de Neuville. Am Nachmittag des 18. August war es im Dorf Saint-Privat zu einer Schlacht gekommen, die mit einer Niederlage des 94. Linienregiments der französischen Armee endete.

In Friedrichsruh wird im kommenden Jahr mit einer Sonderausstellung an die Gründung des deutschen Nationalstaates vor 150 Jahren erinnert. Von Mai bis November 2021 lädt die Otto-von-Bismarck-Stiftung unter dem Titel „1870/71. Reichsgründung in Versailles. Ort – Ereignis – Gedächtnis“ dazu ein, sich mit der historischen Bedeutung des Schlosses von Versailles für die deutsch-französische Geschichte, mit dem Deutsch-Französischen Krieg, dem Reichsgründungsprozess sowie dem Nachwirken der Reichsgründung auseinanderzusetzen.

Die ersten Exponate sind bereits eingetroffen, so eine in verziertem Leder gebundene Sammlung von Porträtfotos mit dem Titel „Das ganze Deutschland soll es sein! 1870. Ein Gedenk-Album in 50 Photographien“ – von „König Ludwig II., König von Bayern“ bis zu „Fürst von Pless, Johanniter, Königlicher Commissar und Militair-Inspecteur der freiwilligen Krankenpflege“. Wer sich über den Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs im Juli 1870 und das Kriegsgeschehen bereits vor der Ausstellungseröffnung informieren möchte, dem stehen die Angebote einiger deutscher und französischer Institutionen und Initiativen offen – für einen persönlichen Besuch oder im Internet.

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Plakat der Sonderausstellung, die 2016 in Friedrichsruh gezeigt wurde.

In der in den Print- und den sozialen Medien jüngst geführten Diskussion über Bismarcks Rolle in der deutschen und europäischen Kolonialpolitik und die darum gewachsene Erinnerungskultur ist gelegentlich auch nach relevanten Forschungs- und Vermittlungsaktivitäten der Otto-von-Bismarck-Stiftung gefragt worden.

Die Stiftung kommt dem Wunsch nach Informationen über ihre wissenschaftlichen Forschungen und historisch-politische Bildungsarbeit der letzten Jahre im Kontext der Kolonialpolitik des deutschen Kaiserreichs mit dem hier in chronologischer Reihenfolge verfassten Überblick gerne nach.

Publikationen

Otto von Bismarck, Gesammelte Werke (Neue Friedrichsruher Ausgabe), Abteilung III 1871-1898, Schriften Bde. 1-9, Paderborn u.a. 2004-2020 (mit zahlreichen Bismarck-Dokumenten zur Kolonialpolitik).

Ulrich Lappenküper, Ausgleich mit Frankreich? Bismarck und die deutsche Kolonialpolitik, in: Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft 24 (2011), S. 177-205.

Winfried Speitkamp, Otto von Bismarck und die Kolonialpolitik – ein Ausweg aus der Wirtschaftskrise?, in: Michael Epkenhans/Ulrich von Hehl (Hg.), Bismarck und die Wirtschaft (Wissenschaftliche Reihe, Bd. 17), Paderborn u.a. 2013, S. 59-76.
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Unser Kalender zeigt im August die „Kaiserproklamation in Versailles, 18. Januar 1871″, Druck nach einem Gemälde von Anton von Werner (Schlossfassung), um 1900, private Leihgabe.

Mit den Novemberverträgen von 1870 traten Bayern, Württemberg, Baden und der südliche Teil des Großherzogtums Hessen dem Norddeutschen Bund bei, der kurzzeitig den Namen „Deutscher Bund“ tragen sollte. Dies hatte zur Folge, dass die Verfassung des Norddeutschen Bundes an die politische Entwicklung angepasst werden musste. Am 10. Dezember 1870 stimmte auch der Bundesrat als Vertretung der deutschen Bundesstaaten der neuen Verfassung zu, änderte aber die Staatsbezeichnung in „Deutsches Reich“ und die Bezeichnung des Staatsoberhauptes in „Deutscher Kaiser“. Da die Novemberverträge am 1. Januar 1871 in Kraft traten, gilt dieses Datum als formelles Gründungsdatum des Deutschen Reiches. Am 18. Januar 1871, dem 170. Jahrestag der Errichtung des preußischen Königtums, versammelten sich neben einer Reihe von Bundesfürsten eine Vielzahl von Heerführern sowie einige Vertreter des Reichstags im Spiegelsaal des Schlosses zu Versailles, um der Akklamation des Königs von Preußen zum deutschen Kaiser als dem repräsentativen und symbolischen Schlusspunkt der Reichsgründung beizuwohnen.
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Bernhard von Bismarck als junger Erwachsener (Reproduktion eines Gemäldes von E. Boltz, Bismarck-Museum)

„Lieber Bruder. In dieser scheußlichen Zeit muss man an alten Gewohnheiten festhalten, um sich mit ihr in Widerspruch zu setzen, und darum schreibe ich Dir einen feierlichen Gratulationsbrief zu Deinem Geburtstag. Möge Heil und Segen Dich auf allen Wegen u.s.w.“ Otto von Bismarck musste in diesem Brief vom 22. Juli 1848 nicht ausführen, was diese Zeit aus seiner Sicht so „scheußlich“ machte: Am 18. Mai 1848 hatten sich in der Frankfurter Paulskirche die Abgeordneten des ersten gesamtdeutschen Parlaments versammelt, um über eine freiheitliche Verfassung und die Bildung eines deutschen Nationalstaats zu beraten. Die Brüder hatten zuvor als Abgeordnete im Ersten und Zweiten Vereinigten Preußischen Landtag die Anfänge des deutschen Parlamentarismus mitgestaltet, hielten aber treu zur preußischen Monarchie.

Bernhard von Bismarck wurde am 24. Juli 1810 in Schönhausen/Elbe geboren, fünf Jahre vor seinem Bruder Otto, 1827 kam ihre Schwester Malwine zur Welt. Er verlebte die ersten zehn Jahre seines Lebens auf dem Land, erst in Schönhausen/Elbe, dann auf dem pommerschen Gut Kniephof, bevor er nach Berlin in die Schule geschickt wurde. Sein kleiner Bruder Otto folgte – sechsjährig und unfreiwillig – ein Jahr später. Einige Jahre lebten sie in der elterlichen Stadtwohnung, betreut von einer Haushälterin und einem Hauslehrer, die Eltern waren nur in den Wintermonaten bei ihnen. Während der Vater Ferdinand in den verschiedenen Biografien Otto von Bismarcks als gutmütiger Mensch beschrieben wird, behandelte die Mutter Luise Wilhelmine ihre beiden Söhne mit großer Strenge. Dem 15jährigen Bernhard schrieb sie: „Ich muß es dir vorher sagen, daß, wenn dein Zeugnis zu Michaelis nicht vorzüglich gut ausfällt, du für den kommenden Winter nicht bei uns wohnst, und auch nur selten, und nie ohne [Schuldirektor] H. Plamanns Erlaubnis uns wirst besuchen dürfen.“

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