Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871), Anton von Werner, Öl auf Leinwand, 1885. Bismarck-Museum Friedrichsruh (© Otto-von-Bismarck-Stiftung / Fotograf: Jürgen Hollweg)

Wir schreiben den 18. Januar 1871. Während im nahen Paris französische Truppen einen letzten Durchbruchsversuch aus der seit Monaten belagerten Hauptstadt vorbereiten, setzt sich in Versailles gegen zehn Uhr früh ein illustrer Zug mit deutschen Fahnenträgern, Ehrenwachen und dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm von der Präfektur aus in Richtung Schloss in Bewegung. Beim Eintritt in den Vorhof stimmt ein Musikkorps das Lied „Was ist des Deutschen Vaterland“ von Ernst Moritz Arndt an. Wenig später trifft Preußens König Wilhelm I. ein und lässt sich von seinem Sohn in den Spiegelsaal geleiten, wo sie von einer erlauchten Schar deutscher Fürsten bereits erwartet werden. Nach einem kurzen Militärgottesdienst hält der König von einem Hochtritt aus eine knappe Ansprache, rühmt die „Wiederherstellung des Deutschen Reiches“ am 1. Januar und erklärt sich bereit, die ihm soeben angetragene „deutsche Kaiserwürde“ anzunehmen. Sodann nimmt er unter lautem Jubelruf die Glückwünsche der Festgemeinde entgegen.

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Das zeitgenössische Schaubild zeigt Einnahmen, Ausgaben und Leistungen der Sozialversicherungen des Deutschen Reiches in den Jahren von 1885 bis 1909. Zu sehen ist diese Darstellung in der Dauerausstellung „Otto von Bismarck und seine Zeit“ im Historischen Bahnhof Friedrichsruh. (© Otto-von-Bismarck-Stiftung)

Was hat ein häufig als monarchischer Obrigkeitsstaat bezeichnetes politisches System mit Demokratie zu tun? Diese Frage stellt Markus Lang in seiner Einleitung zu einem lesenswerten Sammelband, in dem die Forschungen zum Kaiserreich und zur deutschen Demokratiegeschichte ertragreich miteinander verbunden werden. Die gerade erschienene Aufsatzsammlung ist Ergebnis der Online-Tagung „Einigkeit und Recht – doch Freiheit?“, zu der die Otto-von-Bismarck-Stiftung in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Orte der Demokratiegeschichte, der Forschungsstelle Weimarer Republik der Universität Jena und Weimarer Republik e.V. eingeladen hatte. 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzten im Oktober 2020 diese Möglichkeit, sich mit Blick auf den nahenden 150. Jahrestag der Reichsgründung 1871 über neue Forschungsansätze und Erkenntnisse auszutauschen.

Die Antworten auf die eingangs gestellte Frage zeichnen ein facettenreiches Bild der Rolle, die das Kaiserreich in der deutschen Demokratiegeschichte spielt. Die Beiträge sind fünf Themenbereichen zugeordnet, die die unterschiedlichen Ebenen von der Kommune bis zur Reichsregierung ebenso in den Blick nehmen wie die verschiedenen Akteure: Verfassung und politisches System; Massendemokratie und Gesellschaft, Parlament und Parteien; Kommunalpolitik und Demokratie; Intellektuelle und religiöse Milieus sowie Erinnerungskultur.

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Unser Wandkalender zeigt in diesem Jahr das historische Friedrichsruh. Ein Foto aus dem Jahr 1884 eröffnet den Zyklus: Zu sehen ist das Wohnhaus Otto von Bismarcks, aufgenommen von Strumper & Co., Hamburg.

Als Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1871 seinem Reichskanzler den Sachsenwald schenkte, wartete auf Otto von Bismarck und seine Familie damit noch kein neues Zuhause: Friedrichsruh war kein Bestandteil des Geschenks. Bismarck musste zunächst nach einem Domizil Ausschau halten und wurde schließlich fündig und handelseinig: Er kaufte das Hotel-Restaurant „Frascati“ und weitere Gebäude. Der kleine Ort lag für ihn perfekt mitten im Wald und zugleich mit einem eigenen Bahnhof ausgestattet direkt an der Bahnlinie Hamburg-Berlin.

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Deschler (Medailleur), Deutschland, um 1870, Weißmetall (Zinn), Höhe: 4 mm, Durchmesser: 46 mm, Gewicht: 31g, Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, Inventar-Nr.: M 2017/002

Nach dem Sieg der deutschen Truppen und der Gefangennahme Kaiser Napoleons III. bei Sedan sowie der folgenden Errichtung der Republik in Frankreich zogen sich die Kämpfe weiter hin, denn auch die provisorische Regierung der Republik setzte den Waffengang weiter fort. Doch ihr gelang es trotz aller militärischen und diplomatischen Anstrengungen nicht, das Kriegsglück zu wenden. Mitte September 1870 wurde die französische Hauptstadt sogar von den deutschen Streitkräften eingeschlossen. Erste Unterhandlungen zwischen dem neuen französischen Außenminister Jules Favre mit Otto von Bismarck über einen Waffenstillstand scheiterten. Während die Deutschen Paris belagerten, eröffnete der Bundeskanzler Verhandlungen mit Vertretern Badens, Württembergs, Hessen-Darmstadts sowie Bayerns über einen Beitritt dieser Staaten zum Norddeutschen Bund. Mit den sogenannten Novemberverträgen vom 15. (Baden und Hessen), 23. (Bayern) und 25. November (Württemberg) wurde dieser vollzogen – der entscheidende Schritt hin zum gesamtdeutschen Nationalstaat war getan.
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Dominic Cummings war einer der maßgeblichen Strategen der „Vote Leave“-Kampagne, die das Brexit-Referendum knapp für sich entscheiden konnte. Boris Johnson sei dabei nur seine Marionette gewesen, lautete ein Vorwurf seiner Kritiker. Das Foto zeigt sie als Puppenspieler und Puppe, aufgenommen auf einer Anti-Brexit-Demonstration am 19. Oktober 2019 in London (Bildnachweis s.  u.).

Vor wenigen Tagen ereignete sich in Großbritannien ein kleines politisches Erdbeben: Von den einheimischen Medien hautnah verfolgt, räumte Dominic Cummings sein Büro in der Downing Street No. 10. Was Stephen Bannon für US-Präsident Donald Trump und Wladislaw Surkow für Russlands Präsident Wladimir Putin, das war Cummings für Boris Johnson – der einflussreichste Berater, vielleicht auch Chefideologe und Spindoctor des britischen Premierministers. Die in der deutschen Presse eher als Randnotiz vermerkte Nachricht reizt zu einer tiefgründigeren Betrachtung: sowohl wegen Cummings‘ geistiger Nähe zu Bismarck als auch aufgrund seiner sehr eigenwilligen Art, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Aus diversen Blog-Beiträgen von Cummings wissen wir, dass der Namensgeber der Otto-von-Bismarck-Stiftung für ihn ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Inspirator seines politischen Denkens und Handelns war. Welches Bismarck-Bild können wir Cummings‘ digitalen Essays entnehmen? Wie glaubte er, sich Bismarck’scher Handlungsmaximen bedienen zu dürfen? Und in welchem Maße sollten wir seinen Antworten auf die Frage folgen, wie Reflexionen über die Vergangenheit uns in der Gegenwart zu helfen imstande sind?

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Unser Kalender zeigt im Dezember den Druck „Heil Dir im Siegerkranz (16. Juni 1871)“ nach dem Gemälde „Einzug durch Brandenburger Tor 1871“ von Wilhelm Camphausen (um 1880), Archiv der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: ZSg 693.

Wie schon 1864 und 1866 wurde Preußens Hauptstadt Berlin nach dem Sieg über Frankreich im Frühsommer 1871 Schauplatz eines besonderen militärischen Spektakels. Die Stadt bereitete sich auf den Empfang der siegreichen Truppen vor – und putzte sich entsprechend heraus: Straßen und Gebäude wurden mit Eichenlaub, Lorbeerkränzen, Teppichen sowie Blumen- und Girlandenschmuck versehen, Flaggenmasten und Wappenschilde aufgestellt. Am 16. Juni marschierte das siegreiche preußische Heer in Berlin ein, vertreten durch Garderegimenter und Abordnungen der anderen Truppenteile. Denkmäler, Ehrenbögen, Ehrensäulen, allegorische Darstellungen und andere Kunstwerke, Inschriften, Beutewaffen sowie Truppenfahnen säumten die via triumphalis vom Tempelhofer Feld über das Brandenburger Tor bis hin zum Lustgarten und zum königlichen Schloss. Am Abend wurden die geschmückten Straßen und Gebäude sogar festlich beleuchtet. Entlang dieser Strecke waren die Berliner, auswärtige Besucher sowie die Vertreter von Verbänden und Vereinen, nach gesellschaftlicher Stellung und Berufsstand geordnet, aufgestellt worden, um für die vorbeiziehenden Soldaten jubelnd und Taschentücher schwenkend Spalier zu stehen. Andere verfolgten das Spektakel von den Fenstern und den Dächern der Häuser oder von voll besetzten Tribünen aus. Marschmusik, Glockengeläut sowie der Jubel der Massen begleiteten den Einzug des siegreichen Heeres.

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Das Bismarck-Museum wird seit 2009 von der Otto-von-Bismarck-Stiftung als Dauerleihgabe betreut.

In Friedrichsruh ist eine sehr erfreuliche Nachricht eingetroffen: Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat in seiner abschließenden Beratung für das Jahr 2021 auch die Otto-von-Bismarck-Stiftung berücksichtigt. Sie erhält gezielt zusätzliche Mittel für die vom Vorstand seit Jahren geplante Neustrukturierung, die insbesondere den Ankauf des Bismarck-Museums mit allen Exponaten und dessen Sanierung sowie eine neue Dauerausstellung umfassen wird. Grundlage der Haushaltsentscheidung sind langjährige und intensive Planungsbemühungen des Vorstands der Otto-von-Bismarck-Stiftung in enger Abstimmung mit dem Kuratorium.

Die Stiftung hatte in Berlin einen wichtigen Fürsprecher: Der Vorsitzende ihres Fördervereins, der Bundestagsabgeordnete Norbert Brackmann (CDU), setzte sich wiederholt und erfolgreich für die Zukunftssicherung der Politikergedenkstiftung ein.

Durch die Förderung des Bundes wird es der Stiftung künftig möglich sein, ihre Kultur- und Bildungsangebote auszuweiten und damit Friedrichsruh als Erinnerungsort der deutschen Geschichte noch mehr Gewicht zu verleihen. Bedeutende Kulturgüter und Kunstwerke, die zum Bestand des von der Stiftung seit 2009 als Dauerleihgabe betreuten Museums gehören und eng mit der politischen Entwicklung Deutschlands zum Verfassungs- und Rechtsstaat verbunden sind, werden der Allgemeinheit dauerhaft – auch digitalisiert im Internet – zugänglich gemacht. Mit ihrer neuen Aufstellung wird die Stiftung außerdem ihre Mitwirkung in der Arbeitsgemeinschaft Orte der Demokratiegeschichte vertiefen.

Die Online-Biografie wird Leben und politisches Wirken Otto von Bismarcks umfassend darstellen.

Reichsgründer und erbitterter Gegner der Sozialdemokratie, „ehrlicher Makler“ und Kulturkämpfer, zeitweiliger Befürworter eines Kolonialreiches und verantwortlich für die damals modernste Sozialgesetzgebung der Welt: Die politische Bilanz Otto von Bismarcks weist Licht- und Schattenseiten auf. Auch heute noch, kurz vor dem 150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Kaiserreichs, wird lebhaft über ihn diskutiert.

Wie groß dabei der Informationsbedarf ist, verrät auch ein Blick auf die zahlreichen Aufrufe des knappen Lebenslaufes, der hier auf unserer Website einzusehen ist. Um diesen Bedarf besser als bisher zu stillen, haben wir die Idee entwickelt, den Diplomaten, preußischen Ministerpräsidenten und ersten Reichskanzler mit einer multimedialen Online-Biografie ausführlich vorzustellen. Das geplante Projekt hat auch im Hause der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, Professor Monika Grütters, überzeugt: Bei uns in Friedrichsruh ist die Zusage für die Finanzierung in Höhe von 100.000 Euro eingetroffen. Persönlich unterstützt hat dieses Vorhaben auch der Vorsitzende des Fördervereins der Stiftung, der Bundestagsabgeordnete Norbert Brackmann (CDU).

Damit kann die Verwirklichung des Projekts jetzt beginnen, bereits ausgeschrieben ist die Stelle für eine wissenschaftliche Mitarbeit. In den kommenden Monaten werden wir unter anderem eine Bismarck-Chronik, ein Lexikon wichtiger Personen, eine Dokumenten- und Bildersammlung sowie eine Auswahlbiografie erarbeiten. So entsteht ein geschichtswissenschaftlich fundiertes Nachschlagewerk über Otto von Bismarck und seine Zeit, das für alle Interessierten mit wenigen Klicks zu erreichen sein wird. Die Veröffentlichung ist für April 2022 geplant.

Ferdinand von Bismarck (1771 – 1845)

Als Karl Wilhelm Ferdinand von Bismarck am 22. November 1845 aus dem Leben schied, wusste er wenigstens zwei seiner Kinder auf einem guten Lebensweg. Der älteste Sohn, der 35-jährige Bernhard, war Gutsbesitzer und Landrat und hatte ihn zum zweifachen Großvater gemacht. Die Zukunft seiner Tochter, der erst 18-jährigen Malwine, war seit ihrer Hochzeit ein Jahr zuvor mit Oskar von Arnim-Kröchlendorff finanziell abgesichert. Nur für den zweiten Sohn schienen die Ausschichten nicht allzu rosig zu sein: Der 30-jährige Otto hatte zwar sein Jurastudium beendet, das Referendariat aber abgebrochen und bewirtschaftete nun – immerhin erfolgreich – in Pommern das Gut Kniephof, das der Familie lange Jahre als Hauptsitz gedient hatte.

Ferdinand von Bismarck selbst konnte auf ein langes Leben zurückblicken, in das er in privilegierter Stellung hineingeboren worden war. Er erlebte aber auch persönlich wirtschaftlich schwierige Zeiten, wurde Zeitzeuge großer politischer Umwälzungen und musste sich privat damit abfinden, nicht das ganz große Glück gefunden zu haben.

Geboren wurde er am 13. November 1771 auf dem elterlichen Gut in Schönhausen/Elbe. Da seine Mutter Christiane kurz vor seinem ersten Geburtstag starb, wuchs er mit seinen drei Brüdern beim Vater Karl Alexander auf. Ferdinand wurde kein kultivierter Schöngeist wie dieser, galt aber als gutmütig und hatte später als Familienvater ein Herz für Kinder. Sein Sohn Otto erinnerte sich an ihn als einen unkomplizierten Menschen:

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Das Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark wird derzeit saniert.

„Bismarck neu kontextualisieren“ lautete der Titel eines digitalen Podiumsgesprächs, zu dem der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda am Donnerstagabend eingeladen hatte. Eröffnet wurde damit eine Reihe von Veranstaltungen, in denen der gegenwärtige Blick der Stadt Hamburg und ihrer Bürgerinnen und Bürger auf die Vergangenheit diskutiert werden soll. Festgemacht wird diese Debatte in der Hansestadt derzeit vor allem am Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark, das nach Beschlüssen des Deutschen Bundestages und der Hamburgischen Bürgerschaft saniert wird und durch eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung ergänzt werden soll.

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