Ludwig Windthorst

Anno 1878 trug sich im Deutschen Reichstag eine skurrile Geschichte zu: Während einer Sitzung erhob sich Reichskanzler Otto von Bismarck von seinem Platz und begann – für alle Abgeordneten gut sichtbar – mit Präsident Max von Forckenbeck ein eifriges Gespräch. Im selben Moment begab sich der Zentrumsabgeordnete Ludwig Windthorst von seiner Bank in die Richtung des Präsidentenstuhls. Aufgrund seiner extremen Kurzsichtigkeit war er offenbar ohne „Ahnung von dem, was sich da oben abspielt“, wie der Bonner Literaturwissenschaftler Berthold Litzmann Jahrzehnte später in seinem Buch über das „alte Deutschland“ zu berichten wusste. „Schon ist er […] bis auf zwei Schritte an die Gruppe herangekommen, als mit einem Male […] Bismarck aus seiner gebeugten Stellung sich aufrichtet […] und aus seinen grossen furchtbaren Augen den harmlosen Wanderer so dräuend mustert, wie etwa eine Riesendogge einen kleinen Pinscher […]. Jener macht dann auch vom Flecke weg kehrt“.

Ist es ein Zufall, dass eine auszugsweise Abschrift von Litzmanns Bericht als eines von nur zwei Schriftstücken über Windthorst den Weg in Bismarcks Nachlass fand? Wohl kaum! Obwohl beide Politiker sich gewiss viel zu sagen oder zu schreiben gehabt hätten, waren sie aufgrund eines tief ins Persönliche hineinreichenden politischen Zerwürfnisses zu einer normalen Kommunikation offenbar nicht fähig. „Mein Leben“, so eröffnete Bismarck einmal einem Mitarbeiter, „erhalten und verschönen zwei Dinge, meine Frau und – Windthorst. Die eine ist für die Liebe da, der andere für den Haß.“

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Unser Wandkalender zeigt in diesem Jahr das historische Friedrichsruh. Im März ist eine Fotografie des Fürstlichen Sägewerks zu sehen, aufgenommen um 1900 von der Wilhelm Hoffmann AG, Dresden (Archiv der Otto-von-Bismarck-Stiftung). Das Sägewerk lag direkt an der Bahnlinie Hamburg-Berlin, die damals in Friedrichsruh mehrgleisig ausgebaut war. 1992 brannte es vollständig ab.

War er reich genug, um ein Fürst sein zu können? Otto von Bismarck erhielt am 21. März 1871 ein eigenhändiges Schreiben des preußischen Königs und deutschen Kaisers Wilhelm I., in dem dieser ihn in den Fürstenstand erhob. Aber seine Freude fiel nur verhalten aus, wurde doch von den Angehörigen eines Standes auch eine standesgemäße Lebensführung erwartet: „Das Gefühl, daß man als Graf wohlhabend sein kann, ohne unangenehm aufzufallen, als Fürst aber, wenn man letzteres vermeiden will, reich sein muß, hat mich seitdem nie wieder verlassen“, schrieb Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen. Seine Sorge wurde aber gemindert durch ein Geschenk, das er zusammen mit der Ernennung erhielt: den Sachsenwald mit 25.000 Morgen Wald und 2.000 Morgen Land, meist Wiesen.

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Seit 2003 haben Dr. Rudolf Seiters und Hans-Ulrich Klose als Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums die Geschicke unserer Stiftung maßgeblich mitgeprägt. Gestern übernahmen Norbert Brackmann und Herlind Gundelach den Stab: Sie wurden auf der konstituierenden Online-Sitzung des neuen Kuratoriums zum Vorsitzenden und zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte die Bestellungsurkunden der Kuratoriumsmitglieder im vergangenen Jahr unterzeichnet.

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Historische Karte der Provinz Schleswig-Holstein aus dem Jahr 1905.

Weder eigenstaatliche Unabhängigkeit noch Integration in das dänische Königreich – für viele deutsch wie dänisch gesinnte Menschen in Schleswig und Holstein folgte auf den Deutsch-Dänischen Krieg 1864 und den Deutschen Krieg 1866 nicht, was sie sich jeweils erträumt hatten. Stattdessen wurden beide Herzogtümer als gemeinsame Provinz in den preußischen Staat integriert. Einen neuen Blick auf diese Entwicklung und den folgenden Modernisierungsschub zwischen Nord- und Ostsee eröffnet der Band „Pflichthochzeit mit Pickelhaube. Die Inkorporation Schleswig-Holsteins in Preußen 1866/67“. Er ist das Ergebnis der Tagung „150 Jahre Schleswig-Holstein in Preußen“, zu der die Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 2017 in die Räume der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh eingeladen hatte.

Den Beiträgen gemeinsam ist die Feststellung, dass die Inkorporation Schleswig-Holsteins in Preußen aus norddeutscher Sicht zunächst eher eine Zwangs- und weniger eine Liebesheirat war. Für das Herzogtum Lauenburg, das bis 1876 mit Preußen in Personalunion verbunden wurde, geriet die Mitgift zudem teuer: Es musste die 2,5 Millionen dänische Taler aufbringen, die Preußen gemäß der Konvention von Gastein aus dem Jahr 1865 an Österreich zu zahlen hatte, um das kleine Herzogtum übernehmen zu können. „Bei einer Einwohnerzahl von 49.650 Personen bedeutete das rund 50,35 Taler pro Kopf“, schreibt Carsten Walczok.

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Der 150. Jahrestag der Gründung des kleindeutschen Nationalstaates und die aktuelle öffentliche Debatte über die deutsche Vergangenheit als Kolonialmacht haben das allgemeine Interesse an Otto von Bismarck wieder deutlich belebt. In vielen Medien erschienen Diskussionsbeiträge über die politische Rolle des ersten Reichskanzlers und die ihm gewidmeten Denkmäler. Ebenso zu lesen waren eher am Tourismus orientierte Artikel über einen der Bismarcktürme. Diese sind immer noch zahlreich – nicht nur – in Deutschland zu finden und werden vielerorts geradezu liebevoll von Vereinen instandgehalten.

Der neu erschienene Sammelband „1918 – das Ende des Bismarck-Reiches?“ geht nun über Betrachtungen zur historischen Rolle des Politikers Otto von Bismarck und seiner Verklärung zum Mythos deutlich hinaus. Wie die Herausgeber Holger Afflerbach und Ulrich Lappenküper einleitend schreiben, loten die Autoren Antworten auf die Frage aus, „wieviel von dem ursprünglichen Bismarckreich 1918 […] noch übrig war“ und „was vom politischen Erbe des Eisernen Kanzlers noch in unserem demokratisch verfassten Gemeinwesen fortlebt“. Die Beiträge gehen auf eine Konferenz der Otto-von-Bismarck-Stiftung zurück, die im April 2019 im Historischen Kolleg München stattfand. An der abschließenden Podiumsdiskussion nahm auch der Bundesminister und Bismarck-Kenner Peter Altmaier teil.

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Moritz Busch (fotografiert von Carl Brasch, Berlin)

Auf Moritz Busch treffen Beschreibungen zu, die ihn als widersprüchlichen Menschen charakterisieren: Er war ein neugieriger Weltenbummler und erfolgreicher Publizist, aber auch ein politischer Sturkopf und zudem glühender Antisemit. In Erinnerung geblieben ist er als „dienstwillige Feder und respektvoller Porträtist Bismarcks“, wie der Titel einer biografischen Studie von Eberhard Kolb es auf den Punkt bringt. Vor 200 Jahren, am 13. Februar 1821, wurde er in Dresden geboren.

Politisch stand Busch der Politik Otto von Bismarcks anfangs sehr fern. Nachdem er 1847 in Leipzig sein Studium beendet und kurz darauf geheiratet hatte, schloss er sich in den Märztagen 1848 dem demokratischen Vaterlandsverein an. Das Scheitern der Revolution enttäuschte ihn und er plante, mit seiner Familie in die USA auszuwandern. Im Juni 1851 brach er dorthin zu einer halbjährigen Reise auf. Aber es schlug nicht nur der Versuch fehl, sich während dieser Zeit beruflich zu etablieren. Busch verlor auch seine republikanischen Ideale.

Eberhard Kolb zeichnet in seinem Beitrag, der 2009 in dem Sammelband Bismarcks Mitarbeiter erschienen ist, den weiteren Werdegang Buschs nach. So entsteht das Bild eines erfolgreichen Publizisten, der nach seiner Rückkehr nach Leipzig in mehreren Büchern über seine Reisen durch die USA und später in den Orient lebendig berichtete. Auch als Redakteur der zunächst lange national-liberal gesinnten Zeitung Die Grenzboten erreichte er ein breites Publikum.

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Darstellung der Schlacht bei Bornhöved im Jahr 1227 in der Sächsischen Weltchronik (14. Jahrhundert).

Schleswig-Holstein und das Herzogtum Lauenburg: Zwei Geschichten oder eine? – Eine eindeutige Antwort auf diese Frage ist unmöglich, wie Prof. Dr. Oliver Auge (Universität Kiel) in seinem Abendvortrag aufzeigte. Dieser fand als Kooperationsveranstaltung mit der Stiftung Herzogtum Lauenburg online statt und stieß durch die Unabhängigkeit von Wetter und Pandemie auf eine sehr erfreuliche Resonanz.

Oliver Auge ist Direktor der Abteilung Regionalgeschichte mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sowie Autor und (Mit-)Herausgeber verschiedener regionalgeschichtlicher Publikationen. Für seinen Vortrag schöpfte er aus dem reichen Fundus seiner langjährigen Forschungsergebnisse. Am Beispiel ausgewählter historischer Ereignisse zeigte er auf, dass die Eingliederung des Herzogtums Lauenburg 1876 in die preußische Provinz Schleswig-Holstein keineswegs der zwangsläufige Schlusspunkt einer längeren Entwicklung war. Tatsächlich habe im Landkreis noch Jahrzehnte Unsicherheit darüber geherrscht, wohin man gehöre: 1946 sei in Mölln diskutiert worden, ob man sich statt dem neuen Bundesland Schleswig-Holstein nicht besser Niedersachsen angliedern solle. Es war der ferne Nachhall der eigenen Geschichte, die lange von askanischen und welfischen Herzögen geprägt wurde.

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Unser Wandkalender zeigt in diesem Jahr das historische Friedrichsruh. Im Februar ist eine Aufnahme von Gebäuden der Kupfermühle im Sachsenwald zu sehen (Strumper & Co., Hamburg, 1884).

Mühlen begründeten einst den Wirtschaftsstandort Friedrichsruh. Im Jahr 1598 wurde im westlichen Ortsteil eine Papiermühle gebaut, die nötige Energie lieferte die aufgestaute Schwarzen Au – noch heute befindet sich an der Stelle der Schlossteich. Die weitere Nutzung folgte den sich verändernden Aussichten auf Profit, den es zu erwirtschaften galt: Alle Mühlen der Gegend waren landesherrschaftliche Einrichtungen und jeweils verpachtet. 1758 wurde die Papiermühle aufgegeben, an ihre Stelle trat ein Eisenwerk, aus dem 1812 eine Tuchfabrik wurde. Um 1860 schließlich wurde dieser Standort aufgegeben.

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Im ersten Paragrafen des Vertrags, den Otto von Bismarck mit Adolf Kröner abschloss, heißt es: „Fürst von Bismarck beabsichtigt, Erinnerungen aus seinem Leben im Umfange von sechs Bänden herauszugeben, deren jeder ungefähr die durchschnittliche Ausdehnung der Bände des Poschinger’schen Bundestagswerks erhalten soll.“ Da der Umfang dieser Bände zwischen 200 und fast 400 Seiten schwankte, war Bismarck durch diese Regelung nur wenig eingeschränkt. (© Otto-von-Bismarck-Archiv Friedrichsruh, M 25)

Im Frühjahr 1890 wurde der Unternehmergeist zahlreicher Verleger von der Aussicht beflügelt, dass Otto von Bismarck die Veröffentlichung seiner Memoiren plane. Über 40 Publikationsangebote und Anfragen, die Übersetzungsrechte zu erwerben, trafen innerhalb weniger Wochen in Friedrichsruh ein. Das Rennen entschied schließlich Adolf Kröner für seine Cotta’sche Buchhandlung, am 6. Juli 1890 wurde der Vertrag unterzeichnet. Bismarck hatte damit einem der, wenn nicht dem namhaftesten Verleger seiner Zeit den Vorzug gegeben.

Adolf Kröner, der vor 110 Jahren, am 29. Januar 1911, wenige Wochen vor seinem 75. Geburtstag verstorben ist, hatte als junger Mensch zunächst gar nicht vor, sein Leben den Büchern zu widmen. Nach dem Abitur zog es ihn 1853 nach Paris, wo er ein Gesangsstudium begann. Seine Pläne, Opernsänger zu werden, gab er aber bald wieder auf und wechselte nach Leipzig, um sich in einer Schauspielausbildung zu versuchen. Aber auch dieses Vorhaben verfolgte er bald nicht weiter. 1855 ging er zurück in seine Geburtsstadt Stuttgart und wurde Lehrling in einer Buchhandlung. Einige Monate später siedelte er für einige Zeit nach München über. Dort sammelte er in einer Universitätsbuchhandlung nicht nur weitere Berufserfahrungen. Er kam auch mit dem Dichterkreis „Krokodile an den Gewässern des heiligen Teiches“ in Berührung, der einem humorvoll-geistreichem Treiben huldigte, wie in einer 1925 erschienenen biografischen Beschreibung nachzulesen ist: In diesem Umfeld habe er Kontakte geknüpft, die er viel später als Verleger noch zu schätzen gewusst habe.

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Teilkolorierter Druck, Deutschland, 1919, Papier, Otto-von-Bismarck-Stiftung, Inventar-Nr.: K 2018/002

Am 19. Januar 1919 fanden im Deutschen Reich die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung statt. Im Vorfeld hatten sich insbesondere im bürgerlichen Lager aus den alten Parteien des Kaiserreichs neue Gruppierungen gebildet. Im Grundsatz blieb aber das überkommene Parteiensystem erhalten.

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