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Methodische Betrachtungen über den "iconic turn" und mögliche Anregungen für die "animal history"

 

Wissenschaftliche Schwerpunktsetzungen unterliegen Konjunkturen. Wenn ein neuer Virenstamm aus dem Westnilgebiet über die USA nach Griechenland gelangt, haben beispielsweise deutsche Immunologen gute Chancen auf eine Projektbewilligung durch eine EU-Förderagentur, das liegt auf der Hand. Und was wie selbstverständlich für naturwissenschaftliche Themen gilt, kann abgewandelt auch in den Geisteswissenschaften zutreffen. Ganz allgemein kann etwa nicht nur für die Geschichtswissenschaft gesagt werden, daß ein seismographisches Nachvollziehen gesellschaftspolitischer Großwetterlagen in Antragstexten für Drittmittelprojekte deren Erfolg erhöht. Die inhaltlichen und methodischen Verschiebungen der Jahrzehnte nach 1968 können hier in vielerlei Gestalt Beispiele liefern.

Kommen dann noch methodische Innovationen hinzu, die alte Gegenstände in neuem Licht zu betrachten versprechen oder gar ganz neue historische Phänomene zu erkunden versuchen, kann es - da öffentliche Resonanz garantiert - zu einer regelrechten Modewelle kommen, auf die gern andere mit aufspringen. Als besonders fruchtbar erwiesen sich hier vor allem Anleihen aus dem breiten Methodenspektrum der Sozial- und Kulturwissenschaften, die mehrfach zu sogenannten "(cultural) turns" führten. Wie nachhaltig die jeweilige "Wende" war oder ist, kann heute in vielen Fällen noch nicht ermessen werden. Der Erfolg des nahezu 100 Jahre alten "linguistic turns" ist eine Tatsache, kein Historiker wird heute mehr an der banalen Aussage vorbeikommen, daß die (Quellen-)Sprache mehr weiß als ihre Benutzer. Die Hinwendung zu Orten und Schauplätzen als Determinanten historischer Entwicklungen, wie sie Karl Schlögel in seinem phantastischen, 2003 erschienenen Buch "Im Raume lesen wir die Zeit" vorgemacht hat, haben ihm hingegen bisher nur wenige explizit nachgemacht; der vielversprechende "spatial turn" läßt in der Breite des Faches Geschichte bislang auf sich warten. In einem anderen Fall ist die Verbindung von neuem-alten Gegenstand mit (scheinbar) neuem methodischen Herangehen erfolgreicher gewesen. Denn wenn Historiker seit einigen Jahren Bilder betrachten, und somit nichts weiter tun, als eine zuvor gelegentlich vernachlässigte Quellengattung stärker zu untersuchen, sind sie auf der Höhe fachlicher Innovation, haben sie doch das Postulat des "iconic turns" verinnerlicht. Daß hier beileibe nicht alles sensationell oder überhaupt neu ist, belegt der Blick in die Literatur. In Bezug auf Bismarck sei pars pro toto nur auf zwei einschlägige Titel hingewiesen, die die Rezeption bidwissenschaftlicher Arbeitsweisen in der Geschichte schon vor mehr als zwei Jahrzehnten dokumentieren [1].

Fruchtbarer als die nicht selten etwas konstruiert wirkenden "(cultural) turns", die vornehmlich neue Betrachtungsweisen versprechen, sind in der Geschichtswissenschaft aber immer noch die originellen Fragestellungen. Das Aufgreifen ganz neuer Themen(bereiche) ist in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem mit seinem erfolgreichsten Beispiel, dem Schlagwort "Gender"verbunden, wobei hier die Grenzen zwischen neuem Gegenstand und neuen methodischen Herangehensweisen fließend sind.

Ein neues altes Thema hat in den letzten Jahren vor allem durch die soliden, mode-unverdächtigen Bemühungen des Paderborner Historikers Rainer Pöppinghege Aufmerksamkeit gewonnen: das der "Animal History". In einem in der deutschsprachigen Literatur bisher einzigartigen Sammelband hat Pöppinghege Arbeiten zusammengeführt, die das breite Feld der Nutzung tierischer Fähigkeiten durch den Menschen im Krieg vermessen [2]. Hier zeigt sich, wie fruchtbar eine diachrone Zusammenstellung, an sich heterogener Themen sein kann. Daß bis in die allerjüngste Vergangenheit ohne Pferde kein Krieg zu führen war, ist eine nur vordergründig banale Einsicht. Ihr werden in komplexen Beiträgen zahlreiche andere tierrische Beispiele an die Seite gestellt  (Bienen, Elefanten, Maultiere, Brieftauben usw.).

Eine ähnlich vielversprechende epochenübergreifende Fragestellung aus dem spannenden Verhältnis Mensch-Tier ist das der Indienstnahme von Tieren für die Persönlichkeitsinszenierung. So wurden Tiere bis ans Ende der frühen Neuzeit vor allem zur Herrschaftsinszenierung herangezogen. Besonders seltene Arten wie Pfauen sollten den schillernden Reichtum der Herrscher verdeutlichen, besonders starke Tiere symbolisierten zudem die Macht und Kraft des Potentaten, zu denken ist etwa an den Elefanten, auf dem der zu überseeischem Reichtum gekommene portugisiesche König Manuel im frühen 16. Jahrhundert durch das staunende Lissabon ritt oder die zahllosen Löwen und Panther an europäischen Höfen der Jahrhunderte danach.

Etwas harmloser erscheinen da die Herrscherproträts mit Hunden, den scheinbar volkstümlichsten Tieren. Am häufigsten sind Hunde im Umfeld von Jagden oder Ausritten gemalt, die gehören hier als unabdingbares Accessoire zum emblematischen Inventar. Im Zeitalter der Fotographie scheint sich das zu ändern, denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm das Halten von Hunden zu reinen Hobbyzwecken stark zu. In manchen gesellschaftlichen Sphären gehörte der Hund gewissermaßen dazu, ob das nun praktisch war oder nicht, im Falle der eigentlich an Hörsäle gebundenen Studenten darf das bezweifelt werden [3].

Das nebenstehende Foto Bismarcks mit seinen Doggen "Tyras" und "Rebecca" ist eine Ikone aus dieser Zeit und steht symbolhaft für den gesamten Bereich "Mensch (=Mann) und Hund" im ausgehenden 19. Jahrhundert [4]. Es ist nicht das einzige Bild Bismarcks mit seinen Hunden, was nicht wundert, denn der Kanzler ließ sich nicht nur in Friedrichsruher Mußestunden mit seinen Hunden ablichten, sondern erschien mit seinen tierischen Begleitern auch auf Kurreisen oder bei der Regierungsarbeit in Berlin. Legendär ist der Angriff von Tyras auf den russischen Außenminister Gortschakoff, dem beim Berliner Kongreß 1878 unerwartet die Hosen zerrissen wurden. Auch der Berliner Bürger konnte den hochgewachsenen Pommern mit seinen riesigen Tieren, die er übrigens selbst züchtete, gelegentlich durch das Zentrum der Reichshauptstadt spazieren sehen - daß Bismarcks Doggen bald die "Reichshunde" hießen, war da nur eine Frage der Zeit. Bismarck war hier ganz Kind seiner Zeit, die schichtübergreifend auf den Hund kam. Bewußt oder unbewußt wählte er die seinerzeit größte Rasse aus, die erst Dänische, dann nach 1864 Ulmer und später Deutsche Dogge hieß. [5]

Andere deutsche Herrscher und Politiker hielten keine Doggen mehr, zu sehr waren diese mächtigen Tiere mit der den Obrigkeitsstaat symbolisierenden Figur Bismarcks und seinem rigiden Politikstil verbunden. Welcher Hund hätte besser dazu gepaßt als die riesigen Doggen, deren Schulterhöhe schon Bismarcks Zeiten gelegentlich einen Meter erreichten? Obwohl die Futterkosten wohl keine Rolle spielen dürften, hält Königin Elisabeth II. von England Corgies. Praktische Gründe dürften für die seit Jahrzehnten zwischen dem Londoner Buckingham Palace, dem nahen Windsor und dem schottischen Balmoral pendelnde Monarchin ausschlaggebend für die Rassenwahl gewesen sein. Und schon Wilhelm II. wollte wohl nicht nur moderater wirken als Bismarck, sein ihn häufig begleitender Dackel "Waldmann" ist jedenfalls nicht als Gewalttäter in die Geschichte eingegangen. Über Hitlers Tierliebe braucht hier nichts geschrieben zu werden und auch die Tierliebe der Politiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte hier nur streiflichtartig angerissen werden.

Interessant ist das Thema aber ungemein und eine Kulturgeschichte des Hundes an der Seite der Mächtigen ist ein beklagenswertes Desiderat. So könnten in einer Verbindung von soziologischen, psychologischen, ikonographischen und allgemeinhistorisch hermeneutischen Methoden Inszenierungs- und Repräsentationstechniken analysiert und so eine tatsächlich bisher unbeachtete Facette der Politikgeschichte sichtbar gemacht werden. Vielleicht wäre dann auch zu verstehen, warum sich der gegenwärtig höchste Repräsentant der organisierten Arbeitnehmer Deutschlands, der seinem Anspruch nach die Arbeiterschaft in toto vertretende DGB-Vorsitzende Michael Sommer, für ein Interview in der BILD-Zeitung im Dezember 2011 ausgrechnet in schwerer Lederjacke mit seinen Doggen "Hannah" und "Theo" fotographieren ließ.

 

[1] Thomas W. Gaethgens, Anton von Werner. Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs. Ein Historienbild im Wandel preußischer Politik, Frankfurt a.M. 1990; sowie der Ausstellungskatalog "Der Lotse geht von Bord. Zum 100. Geburtstag der weltberühmten Karikatur, hrsg. v. Herwig Guratzsch, Bielefeld [1991].

[2] Rainer Pöppinghege (Hrsg.), Tiere im Krieg. Von der Antike bis Gegenwart, Paderborn 2009. Aus der englischsprachigen historischen Literatur verwiesen auf Linda Kalof/Brigitte Resl (Hrsg.), A culural history of animals, 6 Bde., London 2008.

[3] Vgl. Barbara Krug-Richter, Hund und Student - eine akademische Mentalitätsgeschichte, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 10 (2007), S. 77-104.

[4] Wolfgang Wippermann, Biche und Blondi. Tyras und Timmy. Repräsentation durch Hunde, in: Lutz Huth/Michael Krzeminski (Hrsg.), Repräsentation in Politik, Medien und Gesellschaft, Würzburg 2007, S. 185-202.

[5] Vgl. ebd. S. 192.

2 Kommentare

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